Faszien- oder Rückenschmerzen?

Faszienschmerzen können richtig weh tun!

Fast 85% aller Rückenschmerzen werden durch verspannte Muskulatur ausgelöst – nur 3-5 % durch Bandscheibenvorfälle. Aber sind es wirklich nur die Muskeln, die verspannen oder verkrampfen? Neuere Forschungen haben herausgefunden, dass das Bindegewebe, welches die Muskeln umhüllt und sie zusammenhält – die Faszien, eine wesentliche Rolle im Schmerzgeschehen spielen. Die Faszien reichen in die Muskeln hinein und umhüllen mit zartesten Häuten selbst Muskelfasern. 

Dieses Bindegewebe außer- und innerhalb der unterschiedlichsten Gewebe verleiht ihnen Stabilität genauso wie es durch Alterung oder durch Falschbelastung bzw. auch Stoffwechselveränderungen  enormen Elastizitätsverlust erleiden kann. Z.B. während Schwangerschaften oder hohem Übergewicht. Faszien können aber auch wie bei Cellulite oder Bierbauch überelastisch und sogar überdehnt werden. Verhärtete oder erweichte Faszien sicherlich nicht unerheblich am muskulär bedingtem Rückenschmerz beteiligt. Dies ist seit mehreren Jahrtausenden in den Traditionellen Heilweisen der Kulturen durch Massage- Behandlungen mit den Händen bekannt. Im Ayurveda genauso wie in der traditionell chinesischen, japanischen oder vietnamesischen Medizin oder den Heilkünsten der Indianer, der Schamanen sowie der Bindegewebsmassage und anderen Massageformen unseres Kulturkreises. 

Besonders hervorgetan hat sich mit der Bindegewebsbehandlung der Begründer der Osteopathie Andrew T. Still (1828-1917). Er erkannte intuitiv die Zusammenhänge von muskulär-faszialen Verspannungen und Schmerzgeschehen sowie deren lokalen und auch schmerzfernen Therapiemöglichkeiten. Er fand z.B. heraus, dass Schmerzen an Hals und Kopf mit dem Kreuzdarmbeingelenk zusammenhängen können. Eine manuelle Behandlung vom Becken aus kann Schmerzen im Kopfhalsbereich lindern (canio-sacrale Therapie).

Regelmäßige Pilates Übungen können Rückenschmerzen vorbeugen.

Wer sich nicht bewegt verklebt!

Fasziengewebe wird aus speziellen Zellen auf oder abgebaut, den Fibroblasten. Diese produzieren ein durchsichtiges spinnengewebsartiges Querverbindungssystem, das aus lockerem Bindegewebe besteht und benachbarte Strukturen wie Muskelgruppen voneinander trennt. Bei Bewegungsmangel – aber wie man neuerdings herausgefunden hat – auch bei Stress werden die Fibroblasten überaktiv und produzieren immer mehr Gewebe, so dass Faszien mit dem Muskeln wie verklebt und geschrumpft wirken.

Und Sie kennen das alle! Wenn Sie jetzt in diesem Moment einmal Ihre Schultern anfassen und hineindrücken, dann merken Sie wie hart diese sich anfühlen oder sogar schmerzhaft reagieren. Weshalb? Weil sie viel zu wenig benutzt werden. Ihre Faszien verdicken durch Bewegungsmangel, verschieben sich nicht mehr mit den Nachbarfaszien, die einen anderen Muskel umspannen, und schnüren Ihre Muskeln wie das Netz beim Rollbraten ein. Was tun: Sofort aufstehen, die Schulter rollen und hoch und runter bewegen sowie anschließend die Arme vor und rückwärts kreisen lassen. Eventuell anschließend  ein warmes Entspannungs-Bad mit Rosmarin-Öl, unter die sehr warme Dusche gehen und stretchen oder massieren lassen bzw. sich eine „schmelzende“ Faszien-Dehnung von Experten angedeihen lassen.

Hüpfen Sie mal wieder.

Beweg Dich doch wieder wie ein Kind!

Um die Faszien elastisch zu halten, sind wir Menschen gezwungen, uns zu bewegen. Das wird zunehmend vergessen! Nur dann nehmen Faszien wie die Bandscheiben Wasser auf. Wir Menschen haben über verschiedene Tierstadien das Urmeer vor Millionen von Jahren verlassen, uns aufgerichtet und sind Menschen geworden. Fühlende und denkende Wesen. Der Homo sapiens.  Noch als Kinder sind wir wie unsere Vorfahren geklettert, gesprungen, gehüpft und gelaufen, waren gelenkig „ohne Ende“. Nur durch diese Bewegungen konnten und können Knorpel, Fasern, Bandscheibe, Faszien, Bänder und Sehnen ernährt und elastisch gehalten und die Muskeln zum Wachstum angeregt werden!

Hören wir aber auf, uns zu bewegen, altert unsere Gewebe schneller. Der Lymphfluß versiegt eher und hört auf, das nicht durchblutete Bindegewebe zu wässern. Nicht das Wassertrinken feuchtet diese Strukturen ein, sondern federnde und hüpfende Bewegungen, wenn möglich in allen Freiheitsgraden wie das Überarmhängeln an Reckstangen.Werden wir doch einfach wieder verspielter und „bewegungsfröhlicher“, so wie die Kinder! Z.B. auch durch Trampolinspringen. Es gibt sie mittlerweile auch für den häuslichen Gebrauch.

Und zusätzlich: nicht das langsame morgendliche Dehnen aller Körperabschnitte vergessen (am besten täglich)! Besonders auch nach sportlichen Tätigkeiten sollte man sich dehnen. Dadurch wird altes Wasser aus dem Bindegewebe herausgedrückt, was das Bindegewebe vielleicht hat quellen lassen oder umgekehrt, was sprödes Gewebe wieder verjüngt und elastischer durch Wasseraufnahme macht. 

Deine Jugendlichkeit wird Dir nicht zurückgeschenkt, Du kannst sie erhalten oder wieder-finden, bevor Du verschrumpelt bist. Ein fröhliches Leben wäre eine prima Alternative!

Ganz herzlich

Ihr

Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer

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